Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja im Interview

- Senator für Gesundheit & Soziales: Mario Czaja (36)
Mit 36 Jahren ist Mario Czaja der jüngste Senator des neuen rot-schwarzen Senates. Das CDU-Mitglied steht dem Gesundheitsressort vor und hat sich hier viel vorgenommen. Mario Czaja erlebte seine Kindheit in Berlin-Mahlsdorf und wohnt auch heute noch im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Nachdem er seine Schulzeit auf einem Gymnasium 1995 mit der mittleren Reife beendete, absolvierte er ab 1997 eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Nach Ausbildung und Zivildienst trat er in das Berufsleben als Leiter Marketing und Vertrieb ein. Neben seinem Beruf schloss er den grundständigen Diplomfernstudiengang der Betriebswirtschaftslehre als Diplom-Betriebswirt (FH) ab. Seit 1993 engagiert er sich in der Berliner Kommunalpolitik, von 1995 bis 1999 als Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung. Mario Czaja wurde erstmals 1999 im Wahlkreis Kaulsdorf-Mahlsdorf direkt zum Abgeordneten im Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt und gehört seitdem ohne Unterbrechung dem Berliner Parlament an. Er war gesundheitspoltischer Sprecher der CDU-Fraktion. Im September 2011 verteidigte Mario Czaja sein Direktmandat, wobei er den Erststimmenanteil auf 41,5 Prozent steigern konnte.
Herr Czaja, warum engagieren Sie sich in der Gesundheitspolitik? Das heißt, woher rührt Ihr persönliches Interesse für Gesundheitspolitik?
Nachdem ich meinen Wahlkreis Kaulsdorf-Mahlsdorf im Jahre 1999 zum ersten Mal direkt gewonnen hatte, traten einige Ärzte des Klinikum Kaulsdorf mit der Bitte an mich heran, ihren Anliegen stärkeres Gehör auf politischer Ebene zu verleihen. Aus diesem Engagement als lokaler Interessensvertreter heraus entwickelte ich eine große Leidenschaft für Gesundheitsthemen. Darüber hinaus sind zahlreiche Familienmitglieder in der Pflege tätig, sodass es auch auf persönlicher Ebene zahlreiche Berührungspunkte mit dem Themenfeld gibt.
Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Tätigkeit als Gesundheitssenator gesteckt?
Ich werde mich für eine gerechte, bezahlbare, wohnortnahe und kultursensible medizinische und pflegerische Versorgung der Berlinerinnen und Berliner einsetzen. Wir wissen, dass Gesundheitsprävention von entscheidender Bedeutung für ein langes gesundes Leben ist und wollen daher ein „Aktionsprogramm Gesundheit“ auf den Weg bringen. Damit wollen wir die Gesundheitsförderung in der Stadt deutlich erhöhen. Wichtig ist auch die weitere Stärkung der Rechte der Patientinnen und Patienten. Eine gesunde Lebensweise kann nicht früh genug beginnen, sodass wir uns zudem für eine gesunde Ernährung, für mehr Bewegung und die seelische Gesundheit bereits in Kita und Schule engagieren werden. Hier muss enger ressortübergreifend zusammengearbeitet werden. Außerdem wollen wir das große Potenzial, das unsere Stadt als Gesundheitswirtschaftsstandort hat, noch stärker ausschöpfen. Dazu gehört bspw., dass wir die vorhandene Datenlage durch eine bessere Kooperation von Charité und Vivantes für klinische Studien zur Untersuchung von Wirkungen von Versorgungsstrukturen und -prozessen unter Alltagsbedingungen nutzen und als Standortvorteil aufzeigen.
Wo werden Sie Schwerpunkte Ihrer Arbeit setzen?
Ich möchte nicht nur die gute wohnortnahe ambulante Versorgung sichern und die Lücken, die es in der Versorgung mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten bestimmter Fachgebiete in einigen Stadtteilen gibt, schließen. Hier gibt es Defizite gerade in Gebieten mit schwacher Sozialstruktur. Auch muss gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der kürzeren Verweildauer in den Krankenhäusern die Verzahnung von stationärer und ambulanter Versorgung verbessert werden. Die Menschen brauchen nach einem Krankenhausaufenthalt mehr Hilfestellung und Beratung. Gemeinsam mit den Berliner Gesundheitsakteuren möchte ich zur Entwicklung von integrierten Versorgungskonzepten in Berlin beitragen. Hierfür wird ein „Landesbeirat Integrierte Versorgung“ eingerichtet, der diesen Prozess fachlich begleiten soll.
Sehr wichtig ist mir in diesem Zusammenhang auch die Verbesserung der Qualität in der Pflege in Pflegeheimen und Wohngemeinschaften. Die Landesinitiative „Gute Arbeit in der Pflege“ wollen wir weiterentwickeln und den Pflegeberuf stärken. Ohne gute motivierte Pflegekräfte werden wir die Situation in den Heimen und bei der häuslichen Pflege nicht verbessern können.
Ein Schwerpunkt meiner Arbeit als Gesundheitssenator ist es zudem, den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Berlin zukunftsfest zu machen und dazu das bereits als Konzept entwickelte Mustergesundheitsamt umzusetzen.
Wo sehen Sie im zahnmedizinischen Bereich Handlungsbedarf?
Wir haben ein berlinweit qualitativ hochwertiges und dichtes Versorgungsnetz. Handlungsbedarf gibt es bei der zahnmedizinischen Versorgung von schwerst- und mehrfachbehinderten Menschen und auch bei Pflegebedürftigen. Die Problematik der zahnärztlichen Versorgung schwerst- und mehrfachbehinderter Menschen beschäftigt die KZV und den Senat schon seit einiger Zeit. Wir haben uns vorgenommen, die zahnärztliche Versorgung mehrfach schwerstbehinderter Menschen innerhalb und außerhalb von Heimen in Zusammenarbeit mit der KZV und den Krankenkassen nicht nur sicherzustellen, sondern weiter zu verbessern. Dies haben wir in der Koalitionsvereinbarung festgehalten.
Ich wünsche mir außerdem, dass sich die KZV aktiv in die im Koalitionsvertrag vorgesehene Entwicklung eines Konzepts zur besseren Versorgung älterer, pflegebedürftiger Menschen einbringt. Denn eine angemessene zahnärztliche Versorgung und angemessene Zahnpflege ist wesentliche Voraussetzung dafür, dass diese Menschen ihre Nahrung aufnehmen können. Das wäre auch ein Beitrag zur Vermeidung anderer gesundheitlicher Folgeprobleme. Ich könnte mir hier z. B. vorstellen, dass die Zahnärzteschaft Berlins Schulungen für Pflegepersonal organisiert. Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich zudem bei der Zahl der barrierefreien Praxen. Deren Zahl könnte sicher noch weiter erhöht werden. Dies ist allerdings wesentlich eine Aufgabe der Selbstverwaltung.
Natürlich muss man bei all diesen Fragen neben dem Ziel einer besseren Versorgung auch den Finanzierungsaspekt sehen, damit die Kassen und damit letztlich die Versicherten nicht überfordert werden und Zusatzbeiträge insbesondere für die regionale Kasse AOK Nordost möglichst lange vermieden werden können.
Gibt es Ziele, die Sie konkret für die Berliner Zahnärztinnen und Zahnärzte erreichen möchten und wenn ja, welche?
Ich würde es sehr begrüßen, wenn die KZV endlich ihre internen Konflikte beilegen könnte, die die Kapazitäten der Rechtsaufsicht in erheblichem Umfang binden. Diese Kapazitäten fehlen dann natürlich für andere Aufgaben.
Wie stehen Sie zu dem Konzept zur vertragszahnärztlichen Versorgung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen "Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter", das u. a. von der Bundeszahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung vorgelegt wurde?
In das GKV-Versorgungsstrukturgesetz ist vom Bundestag in § 87 Abs. 2i eine Regelung aufgenommen worden, nach der eine zusätzliche EBM-Leistung für das erforderliche Aufsuchen von Versicherten vorzusehen ist, die aufgrund ihrer Pflegebedürftigkeit oder Behinderung die Zahnarztpraxis nicht oder nur mit hohem Aufwand aufsuchen können. Damit ist meines Erachtens eine wichtige Verbesserung erreicht. Mich freut dabei auch, dass mit dieser Ergänzung das inhaltliche Anliegen eines Berliner Änderungsantrags zum Gesetzentwurf aus dem Bundesrat aufgegriffen wurde, der sich an dem von Ihnen genannten Konzept orientierte.